(m.o.n.d.) geschichten

Der Nebel

Der Nebel kam in der nächsten Nacht. Das Problem mit dem Nebel ist, dass es über ihn nichts zu sagen gibt. Schwarz legte er sich über das Blauschiefermassiv. Er drang bis zur Kapsel vor und durch die Ritzen bis an mein Bett. Es gibt über ihn nichts zu sagen. Er macht die Augen schwer. Im Nebel ist alles gleich. Gleich, ob er zwei Stunden bleibt oder zwei Jahre. Meine Bewegungen sind verlangsamt. Ich bin müde.

Nachtwanderung

Ich wusste, dass er da war. Er war in der Kapsel. Es war nach Mitternacht, dunkel und stürmisch. Unbeweglich saß er in einer Ecke und seine Augen leuchteten irr und rot in die Dunkelheit. Ich erstarrte und versuchte langsam und gleichmäßig zu atmen. Sein Blick fuhr langsam und fest über meinen Körper und meine Muskeln spannten sich als wäre es eine Berührung. Den Hals entlang über die Brüste. Ich schluckte. Ich schloss meinen Augen und betete. Betete einen tiefen, festen Schlaf herbei. Ich träumte. Ich träumte vom Meer und von einem Schiff, das führerlos vor der Küste trieb. Ein Schiff mit schwarzen Segeln. Die Segel blähten sich im Wind. Da ist Wind. Da ist Atem. Sein Atem auf meinem Nacken. Nah. Ein kalter Hauch auf den Brustwarzen. Taue liegen gerollt an Deck. Taue umwickeln mein Fußgelenk, -

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Verwirrt sah ich mich um. Der Steinkrieger war verschwunden und ich wusste nicht, was Traum gewesen war und was nicht. Auf dem Kommunikator erschien eine belanglose Werbenachricht.

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An Schlafen war nicht mehr zu denken und so beschloss ich, eine Nachtwanderung zu machen. Neben meinem Leuchthut, der an seiner Front eine Lampe eingearbeitet hatte, nahm ich sicherheitshalber den Hochfrequenzstrahler mit. Einen logischen Grund hierfür gab es nicht, prinzipiell war der Planet auch tagsüber nicht ungefährlich. Ich machte mich auf in Richtung Wechselfarbenwald. Seit ich dort mehrere Wildkatzen getötet hatte mied ich ich ihn, aber jetzt erschien er mir als passendes Ziel. Ich hatte kaum zehn Meter zurück gelegt, da machte es „Klick“ und die Lampe in meinem Hut gab den Geist auf. Genervt setzte ich mich auf einen Stein und wartete bis meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Der milchige Mond ließ alles in Schattierungen aus dunklem blau und grau erscheinen, selbst die bunten Blätter des Wechselfarbenwaldes wirkten gleichförmig und schal. Ich hörte ein Rascheln im Gebüsch und sah eine der lila Wildkatzen über den Waldweg huschen. Langsam stand ich auf und setzte meinen Weg fort. Ich registrierte, wie ich mich mehr an meinem Gehör als an meinen Augen orientierte. Nach zehn Minuten mündete der Waldweg in einer Lichtung auf der sich eine bemerkenswerte Szene abspielte. Ungefähr zehn Wildkatzen bildeten einen Kreis, wobei sich jede von ihnen um sich selbst drehte, wie Caniden es tun, wenn Sie sich zum Schlafen vorbereiten. Eine der Wildkatzen blickte auf und sah mich für einen Moment an, bevor sie mit ihrer Drehbewegung fortfuhr. In ihrer Mitte befand sich die steinerne Statur eines Panthers, dessen kristallerne Augen gelb in der Dunkelheit leuchteten. Der Panther hatte die selbe Präsenz wie der Steinkrieger, jedoch fürchtete ich mich weniger vor ihm und so blieb ich ruhig stehen und betrachtete die Szenerie. Nach drei Minuten beendeten die Wildkatzen ihre Drehbewegungen und legten sich vor dem Panther, wobei ihre Köpfe in meine Richtung blickten. Es war als würden auch sie zu Stein und so bewegten sie sich nicht mehr. Ich selbst fühlte mich eigenartig ruhig. Ich setze mich zu ihnen auf den Waldboden und bewegte mich ebenfalls nicht mehr. Nach und nach wurden meine Glieder steif. Seltsamerweise erschreckte mich dieser Zustand nicht, ich fühlte mich vielmehr ruhig und gestärkt. Als die Morgendämmerung einsetzte, riss ich mich los und stand auf. Die Augen des Panthers waren erloschen und die Wildkatzen atmeten im Schlaf; die Blätter des Wechselfarbenwaldes erschienen im zarten Rot.

Aufzeichnungsblatt 5

Quelle: wasserschildkroete.png

Beschreibung: Unterwasser-Schildkröte
Name: Testudo Arabia
Vorkommen: Beim Riff
Verhalten / Eigenschaften: Hat Zeichen auf dem Schild

Quelle: hundertfuessler.png

Beschreibung: Pinkfarbener Hundertfüßer
Name: Aqua pedibus
Vorkommen: Beim Riff
Verhalten / Eigenschaften: Kann unter Wasser leben

Die Erlaubnis

"Die Nuestra Señora de Atocha?" Folt hob die Augenbrauen, nachdem ich ihm von meinem gestrigen Tauchgang erzählt hatte. Wie versprochen war er nach einer Woche zurück gekehrt, um zu sehen, ob es mir besser ginge. "Du weißt, was man über sie sagt? Man sagt, in dem Wrack wäre ein Schatz, den nur derjenige bergen dürfe, dem die rechtmäßige Throninhaberin die Erlaubnis hierzu erteilt." "Warum das?", frug ich. Wir saßen zur Mittagzeit vor der Kapsel und hatten uns selbsgemachte Limonade aus dem Nahrungsreplikator mitgebracht. Die Limonade leuchtete gelb in den Gläsern und war mit kleingehackten Minzblättern durchzogen. "Die Nuestra Señora de Atocha verunglückte bei der großen Migrationswelle, die die Ripalier auf diesen Planeten geführt hat", erklärte Folt. "Die Ripalier sind somit die rechtmäßigen Besitzer des Schatzes." "Das erklärt aber nicht, weshalb man ihm am Meeresgrund vergammeln lässt", erwiderte ich und stocherte in meinem Glas. "Die Ripalier glauben, dass die Nuestra Señora de Atocha nicht zufällig auf den Planeten stürzte, sondern, dass mit dem Schatz die Möglichkeit eines großen Unglücks verbunden ist. Solange dieser auf dem Meeresgrund ruht, ist diese Gefahr gebannt.", sagte Folt. "Und das glaubst Du?", lachte ich los. "Ja, durchaus". Folt sah mich ruhig und fest an. Obwohl ich mich bereits an ihn gewöhnt hatte, überraschte mich seine ernste Beharrlichkeit, die immer wieder durchschien. Mir war nicht danach, mit ihm über das Wrack zu streiten. Mich interessierte viel mehr seine Meinung zu meinen Aufzeichungen. Ich holte die Aufzeichnungsblätter hevor und zeigte sie ihm. Ich berichtete auch von dem Unterwasser-Hundertfüssler und der Wasser-Schildkröte, die ich als nächstes zeichnen wollte. "Du hast ein enges Verhältnis zum Wasser, weil es Dir die meiste Lust bereitet, aber vergiss nicht die anderen Dinge", sagte er. Ich errötete, weil ich mich ertappt fühlte und immer noch nicht daran gewöhnen konnte, das Ripalier Gedanken lasen. "Ich komme nächste Woche wieder. Bis dahin wirst Du zwei weitere Pflanzen und zwei Landtiere gezeichnet haben", sagte er streng. Es klang wie ein Befehl und war auch so gemeint. Ungläubig sah ich ihn an, aber sein Blick sagte mir, dass er das für vollkommen normal hielt. "Die Wasserschlangen da", sagte er und zeigte auf Blatt 3, "sind noch nicht ganz ausgewachsen. Die adulten Tiere haben drei oder vier Köpfe und sind einfarbig. Wir jagen die Jungtiere im Frühjahr und machen aus ihren Häuten Taschen und Gürtel. Wenn Du ihnen das nächste Mal begegnest, fange ein paar für mich." Ich nickte und wusste nun, zu welcher Jahreszeit ich hier gelandet war.

Am Riff

Ich war an den Hafen zurück gekehrt, weil ich die Meeres-Unterwasserwelt des Planeten studieren wollte. Am Anleger fand ich einen Humanoiden auf seinem Kahn und handelte mit ihm eine 60-minütige Fahrt samt Tauchgang aus. Das Boot war ca. elf Meter lang und mit hell- und dunkelblauen Streifen lackiert. Die passende Ausrüstung zum Tauchen hatte ich in der Hafen-Kneipe geliehen. Apnoetauchen ist nichts für mich. Wir fuhren in einen sonnigen Tag und die See war ruhig und seicht und roch nach Salz. Nach zehn Minuten gelangten wir an ein Riff und ich bat den Schiffer hier zu ankern. Ich legte die Sauerstofflasche an, die eine gute Mischung aus 79 % Stickstoff und 21 % Sauerstoff enthielt. Bei dem Riff handelte es sich um blumenkohlförmige Stromatholithen, die sich aus dem Stoffwechsel von Mikroorganismen gebildet hatten und dunkelgrau aus dem Wasser ragten. Unterhalb der Wasseroberfläche waren die Blumenkohle mit Seetang besiedelt, dessen runder, roter Algenkörper über einen länglichen Stängel im Haftorgan mündet. Zwischen dem Seetang schwammen kleine Schwärme von hellgrünen Seepferdchen mit schwarzen Flecken. Ich entfernte mich vom Riff und tauchte zum Meeresboden. Ich fand dort überraschenderweise einen pinkfarbenen Hundertfüßer, der sich in Wellenbewegungen durch den Sand grub. Mit seinen Kiftklauen hatte er einen kleinen silbernen Fisch erlegt, den er als Beute mit sich trug. Über ihm schwamm eine Gruppe türkisfarbener und orangener Riffbarsche, die jenen auf der Erde sehr ähnelten. Als ich mich gerade daran machen wollte, ein erstes Mal aufzutauchen, entdeckte ich vor mir eine majestätische Wasserschildkröte. In dem Muster ihres Panzers waren Zeichen erkennbar, die dem arabischen Alphabet ähnelten. Deutlich zu erkennen waren Ba, Dhal und Cha. Langsam und ohne ihre Absichten zu ändern, schwamm die Schildkröte an mir vorbei. Intuitiv schwamm ich hinter ihr her und ihre Bahn führte mich zu einer am Meeresboden gelegenen metallernen Struktur, die aussah wie das Wrackteil eines Raumgleiters. Ich schwamm heran und wischte den Sand beiseite, der sich auf dem Metallteil abgelagert hatte. Ich las den Schriftzug: Nuestra Señora de Atocha. Mein Herz begann zu klopfen. Schnell merkte ich mir den Fundort und kehrte zum Boot zurück.

Die Chronik

Ich habe den ersten Abschnitt der Planeten-Chronik beendet. Ich erfuhr, dass der Planet vor 600 Jahren zunächst von Humanoiden im Bereich der heutigen Nord-Stadt besiedelt wurde. Der damalige Herrscher von Sirius 2 hatte den Auftrag gegeben, neue Gebiete außerhalb seines Territoriums zu erschließen und ließ zu diesem Zweck achthundert Humanoide in einer Kapsel ins Weltall schießen. Die neu angesiedelte Population wuchs schnell und bereits nach hundert Jahren war die Bevölkerungszahl der Nordstadt auf 20.000 Einwohner gewachsen. Zu diesem Zeitpunkt wurde eine zweite Stadt im Süden gegründet und bevölkerungspolitische Maßnahmen ergriffen. Rund 50 Jahre später landeten 200 Ripalier, die vor dem letzten intergalaktischen Krieg geflohen war, in der Nähe der Südstadt und siedelte sich dort an. Auch wenn sie vielfältige Kontakte pflegen, leben die Ripalier auch heute noch vorwiegend unter sich in abgeschiedenen Siedlungen vor den beiden Hauptstädten. Auch in politischer Hinsicht existieren zwei Systeme nebeneinander. Während die Humanoiden ihre Angelegenheite in einem demokratischen System mit regelmäßigen Wahlen regeln, leben die Ripalier traditionell in einer Monarchie. Angehörige anderer Rassen ist es gestattet, sich an den demokratischen Wahlen der Humanoiden zu beteiligen. Die jetzige rechtmäßige Throninhaberin der Ripalier ist Un-la-Pagao. Sie lebt in einem Palast vor der Südstadt, während das Parlamentsgebäude der Humaoiden sich in der Notdstadt befindet. Beide poltischen Systeme werden in einem monatlichen Arbeitstreffen miteinander verbunden, was - so suggeriert es zumindest die Chronik - reibungslos funktioniert. Beide Systeme vefügen über eine eigenes Rechtssystem. Darüber hinaus existiert ein übergeordnetes System, dessen Gesetze in dem roten Buch des Planeten festgehalten sind. Das Buch wird in einem Art Tempel zwischen beiden Städten aufbewahrt. Vor 300 Jahren vernichtete ein großes Feuer Teile der Südstadt und auch den Palast der Ripalier, der aber vollständig neu aufgebaut wurde. So viel zu den Informationen aus dem ersten Abschnitt.

Aufzeichungsblatt 4

Quelle: kugelfisch.png

Beschreibung: buntstacheliger Kugelfisch
Name: Ugeli Colorbi
Vorkommen: Auf dem Markt am Hafen
Verhalten / Eigenschaften: essbar

Quelle: strandmuschel.png

Beschreibung: herzförmige Muschel
Name: houseoflove
Vorkommen: Auf dem Markt am Hafen
Verhalten / Eigenschaften: roter Punkt in der Mitte

Der Schuss

Es war eine Mondnacht. Eine helle Nacht. Ich hatte mich innerlich fast eine Woche darauf vorbereitet. Jetzt griff ich den Bogen und ging festen Schrittes und ohne zu zögern Richtung Echsevogelbaum. Ich konnte den Steinkrieger fühlen bevor ich ihn sehen konnte. Du kannst mir nichts, DU kannst mir nichts. Ich positionierte mich fünf Meter vor ihn, spannte den Bogen und zielte direkt auf sein Herz. Der Pfeil prallte an ihm ab. Obwohl ich genau gewusst hatte, dass das passieren würde, fühlte ich mich gedemütigt. Trotzig spannte ich einen weiteren Pfeil und schoß. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Tränen liefen mir über das Gesicht. Als ich zur Kapsel zurück kehrte saß Folt vor der Tür. Du hast es gewusst. „Ja“, sagte Folt. Wortlos setzte ich mich neben ihn und wir blickten stumm in die Nacht.

In den folgenden Tagen war ich krank. Ich fühlte mich schlaff und kraftlos und schlief fast den ganzen Tag. Folt blieb bei mir in der Kapsel und versorgte mich mit Tee und Obst aus dem Nahrungsreplikator. Während ich schlief las er in der Bordbibliothek. Nach drei Tagen fühlte ich mich besser und Folt gab mir eine kräftige Suppe zu essen. „Du wirst es wieder tun“, sagte er. Ungläubig starrte ich ihn an. „Ganz sicher nicht. Warum sollte ich?“, fragte ich ihn, „Weißt Du, er hat viel Macht. Und er hat diese Macht auch über Dich. Und er interessiert sich für Dich, sonst wärest Du schon tot“. Ich sah ihn verdutzt an. „Sagt Dir eigentlich das Konzept der Projektiven Identifizierung was?“, fragte Folt. Ich erinnerte mich dunkel an dieses Konzept aus dem 20. und 21. Jahrhundert. Man schrieb diesen Prozess damals Personen mit so genannten Borderline-Stöungen zu. Im Prinzip ging es darum, Teile des Selbst abzuspalten und in einer anderen Person wahrzunehmen. „Erinnerst Du dich an das Gefühl als Du die Wildkatze getötet hast und an deine Lust als Du dich dem Oktanten hingabst“?“ Ich hatte vergessen, dass Folt meine Gedanken lesen konnte. „Du hast diese Begehren stellvertretend für ihn, weil er sie nicht haben kann“. Ungläubig lachte ich ihn aus: „Das ist doch komplett absurd! Du hast doch ne Klatsche!“ Gleichzeitig schauderte es mich, weil ich mich daran erinnerte, dass ich sowas tatsächlich schon einmal erlebt hatte. Vor Jahren hatte B. die Schmerzen, die er nicht haben konnte in mir erzeugt, um sie wahrnehmen. Als es das erste Mal passierte, war ich von dem Erlebnis komplett geschockt. Noch geschockter war ich, als ich später las, worum es sich handelte. Wäre das Erlebnis nicht so eindrücklich gewesen, hätte ich das ganze als Spinnkram abgetan und im Grunde versuchte ich noch immer, das so zu sehen. „Wie Du meinst. Ich muss jetzt gehen.“ Folt griff nach seiner Jacke und ich sah, dass er meine Gedanken missbilligte. „Ich schaue in einer Woche wieder nach Dir“. Er ging und ich war froh, dass er wieder kommen wollte. „Und was ist dann bitteschön meins und was ist seins?“, murmelte ich vor mich hin als ich hinter ihm her blickte.

Folt

Ich hatte Mike und sein Lufttaxi für den späten Vormittag bestellt. Obwohl etwas in mir wusste, dass ich mich früher oder später mit den Veränderungen um mich herumbeschäftigen musste, hatte ich im Moment nicht die geringste Lust dazu. Ich war gekommen, um die Dinge des Planeten enzyklopädisch zu erfassen und ansonsten wollte ich meine Ruhe haben. Ich hatte nicht vor, mir meine neu gewonnene Autonomie durch ungebetene Rätsel einschränken zu lassen. Trotzdem bat ich Mike nach seiner Ankunft in die Kapsel und zeigte ihm die Silber-Wörter. „Wo haste die denn her, Süße?“, fragte er. Ich berichtete ihm von dem Fundorten am Wechselfarbenwald und in der Felsenhöhle. „Komm’ mir nicht mit so nem Bedeutungszeug, Süße, das ist was für studierte Datenschlucker!“ Mike zeigte mir mit einem seiner acht Arme einen Vogel, während ein anderer meinem Nahrungsreplikator eine Banane entlockte. „Schon gut“, sagte ich, „Aber Du kommst doch viel herum, oder?“, sagte ich und warf ihm einen Blick zu, der seiner Eitelkeit schmeicheln sollte. „Darauf kannste wetten, Süße!“, brüllte der Oktant. „Kannst Du dich nicht mal umhören, während Du deine Touren fährst? Vielleicht erfährst Du ja etwas“. Ich warf ihm den lieblichsten Schmollblick zu, den ich angesichts seiner dicklichen Präsenz zustande brachte. „Jaja“, grummelte der Oktant, der das Spiel durchschaute. „Ich mach’s ja, ich mach’s ja. Verdammte Weiber!“ Nachdem Mike eine zweite Banane verspeist hatte, schlenderten wir zum Lufttaxi und ich bat ihn, mich Richtung Meer zu fliegen. Während des Fluges plauderte wir ein wenig über den Planeten. Mike erzählte mir, dass ca. 30% der Einwohner Oktanten wie er waren, 40% waren Humanoide, 10% Ripalier und die restlichen 20% ein Gemisch aus allen möglichen Rassen. Die Ripalier waren nach dem letzten intergalaktischen Krieg hierher geflohen. Sie waren circa dreiviertel so groß wie Menschen, von echsenartiger Gestalt, aufrecht gehend, mit einer dunkelgrünen Hautfarbe. Sie waren bekannt für ihre Fähigkeit, die Gedanken anderer Species zu lesen. Ich hatte viel über sie gelesen, war ihnen aber noch nie begegnet. Mike landete das Lufttaxi an einem kleinen Hafen und wir verabredeten, dass er mich in drei Stunden wieder abholen würde. Das Meer war von dunkeltürkisner Farbe und an den Hafen grenzte ein Strand mit feinem, lilafarbenen Sand. Ich zog meine Schuhe aus und steckte meine Füße in den Sand. Der Sand war warm und angenehm. Ich entdeckte eine Reihe interessanter herzförmiger Muscheln, die mit Ausnahme eines roten Punktes komplett schwarz waren. Ich sammelte ein paar und setzte mich dann in den Sand und beobachtete das Meer. Vor der Küste schwammen bunte Boote wie Nusschalen und Lufttaxis kreisten am Himmel. Aus einiger Entfernung näherte sich mir ein Ripalier, der am Wasser entlang spazierte. Er trug eine hochgekrempelte Hose und einen freien Oberkörper. Schön, dachte ich. „Ja?“, fragte der Ripalier spöttisch als er mich erreicht hatte und hob dabei eine Augenbraue. Ok, sie konnten offensichtlich nicht nur Gedanken lesen, sondern sie konnten es auch aus einiger Entfernung. Frech setzte er sich neben mich in den Sand und sah mir tief in die Augen. Seine Haare waren vom Wind zerzaust und er grinste mich unverschämt an. „Folt, ich heiße Folt.“ Ich lachte ob der Dreistheit und schüttelte den Kopf als würde ich davon aufwachen. „Ich würd dich sehr gerne lieben, aber Du willst nur den Steinkrieger“, sagte er und spielte mit einem kleinen Stück Holz, das er aus dem Sand genommen hatte. Mir fiel alles aus dem Gesicht und ich öffnete ungläubig den Mund. Zurückhaltung war offensichtlich nicht die hervorstechendste Eigenschaft der Ripalier. Folt stand auf, wischte sich den Sand von den Beinen und sagte: „Nimm den Bogen und versuche sein Herz zu treffen. Das Steinherz zu treffen. Viel Glück damit!“ Er grinste spöttisch und warf mir einen eindringlichen Blick zu. So schnell wie er gekommen war, verschwand er auch wieder. Verwirrt griff ich nach den gesammelten Muscheln, stand auf und machte mich auf in Richtung Hafen.

Am Hafen stieß ich auf eine Reihe kleiner Markstände, die in Form bunter Buden das Hafenbecken säumten. An den Seitenwänden war jeweils ein Monitor eingebaut, auf denen Slideshows der zu erstehenden Produkte liefen. Der erste Stand war offenkundig ein Fischstand. Fasziniert blieb ich davor stehen, denn ich sah eine Reihe von Fischen, die ich noch nie gesehen hatte, darunter ein runder Kugelfisch mit langen, bunten Stacheln. Am Nebenstand verkaufte ein Oktant Schmuck. Ich erstand einen blauen Ring mit eingebautem Kommunikator samt Chronik des Planeten. Letztere interessierte mich besonders, hoffte ich hiermit ein paar Fragen beantwortet zu bekommen. Gegenüber befand sich eine Art Gemüsestand. Auch hier konnte ich meinen Blick nicht von den Auslagen wenden. Oben auf lag eine t-förmige rote Frucht mit orangenen Streifen, daneben eine gelbe v-förmige mit roten Punkten. Ich wollte gerade nach einer Frucht greifen, da sah ich, dass sich Folt ebenfalls auf dem Markt aufhielt. Er stand zwei Stände weiter und prüfte eine Reihe Stoffe. Ohne etwas zu kaufen entfernte er sich und ich gab dem Impuls nach, ihm zu folgen. Er bog in eine kleine Ansammlung von Häusern ein und steuerte dort direkt auf eine Kneipe zu. Ich zögerte, weil ich nicht wusste, ob ich ihm folgen sollte. Anderseits dürfte er meine Anwesenheit längst bemerkt und meine Gedanken bereits gelesen haben. Er trug jetzt ein rotes Hemd, dessen obere drei Knöpfe geöffnet waren. Ich ging an die Theke und bestellte mir einen Whiskey und versuchte desinteressiert aus dem Fenster zu schauen. Zu meiner Überraschung beachtete er mich aber überhaupt nicht. Stattdessen setzte er sich an das in der Ecke stehende Luft-Klavier und spielte eine nicht mal schlechte Version von „Genossene No. 1“. Ich fühlte mich plötzlich unwohl in meiner Haut und beschloss, die Kneipe zu verlassen. Auf den Markt zurück gekehrt, lief mir Mike direkt in die Arme. In jeder seiner acht Arme hatte er eine andere Einkaufstüte und ich wagte nicht zu fragen, was er eigentlich alles gekauft hatte. Wir luden das Luft-Taxi voll und sahen zu, dass wir nach Hause kamen. In der Kapsel übertrug ich als erstes die Chronik von dem Ring auf den Bord-Kommunikator, weil mir das zum Lesen komfortabler erschien. Ich machte mir einen Tee und begann mit Kapitel 1.

Bouillabaise

Ich breitete die silbernen Wörter auf dem Tisch aus. Die aus dem Beutel aus dem Wechselfarbenwald lauteten: zero - obvious - all - unsettle - kingdom - art - structure - species - prisoner - land - petroleum - ice house - forest - audience - wife - beast - cemetery - play - blue - box - river - power - vassals.
Die aus der Kiste aus der Unterwasserhöhle: ocean - result - none - free - border - animal - warrior - green - spellbound - truth. Einige schienen sich zuordnen zu lassen, jedenfalls empfand ich es so. Ich legte ocean zu forest, none zu zero, green zu blue, border zu land, animal zu species, und free und power zu warrior. Sicher war ich mir indes nicht. Sollte ocean zu blue? Sollte green zu forest? Oder land zu ocean? Ich beschloss alles in der ursprüngliche Anordnung zu lassen, so wie meine Intuition mich geleitet hat und notierte die Kombinationen, ließ die Wörter aber auf dem Tisch liegen.

ocean - forest
none - zero
green - blue
border - land
animal - species
free - power - warrior

Ich hatte mir für heute nichts besondres vorgenommen, wollte aber ausgiebig kochen. Der Nahrungsreplikator bereitete mir de Zutaten für eine Bouillabaise: Knurrhahn, Rotbarbe, Petersfisch, Garnelen, Miesmuscheln Olivenöl, Salz, Pfeffer, Möhren, Zwiebeln, Fenchel, Knoblauch, Lorbeer, Orangenschale, Tomatenmark, Thymian, Safran, Wermut, Weißwein und Tomaten. Für die Rouille benötigte ich noch Kartoffeln, Pfefferschoten, 1 Ei und Maiskeimöl. Zunächst bereitete ich die Fische vor und kochte aus den Fischresten eine Brühe. Ich briet den Fisch, dünstete das Gemüse und gab die Fischbrühe hinzu. Anschließend häutete ich die Tomaten und tat auch sie hinein. Zum Schluss bereitete ich die Rouille und servierte mir beides mit einem trockenen Weißwein. Als ich mit Teller und Glas an den Tisch zurückkehrte war ich überrascht. Wie von Zauberhand lag dort jetzt die Anordnung

ocean - forest
none - zero
green - blue
border - land - beast
animal - species
free - power - warrior - play

Ich wusste nicht, was das bedeuten sollte, notierte aber auch diese Kombination. Ich stellte das dreckige Geschirr in die Spülmaschine und trank den restlichen Weißwein. Nachdem die Flasche leer war, griff ich noch einmal zum Notizbuch und schrieb noch einen Satz. Den Satz, den ich die ganze Zeit vermieden hatte: Ich vermisse Dich.